Kann KI eine komplette Marke aufbauen?
Ja – bis zu einem gewissen Punkt. Aber strategisch sauber, technisch einwandfrei und skalierbar? Noch nicht alleine.
Wir haben es getestet. Kein Theorieexperiment, sondern ein echtes Branding-Projekt im B2B-Bereich Windkraft. Von Naming über Logo bis zum fertigen Brand Book. Und wir sind mit eigenen Ideen reingegangen. Ohne eigene Haltung wird’s schnell generisch.
Was haben wir getestet?
Das Testprojekt umfasste den kompletten Branding-Prozess:
- Naming & Positionierung
- Logo & Typografie
- Farbwelt & Bildwelt
- Messaging
- Brand Book als Abschluss
Tools im Einsatz: ChatGPT, Midjourney, Canva AI, Adobe Illustrator (für den Feinschliff).
Wie gut ist KI in der Markenstrategie?
ChatGPT ist ein guter Sparringspartner, ABER, kein Stratege.
Die Positionierung war anfangs austauschbar und generisch. Die Argumentation klang rund, aber ohne echte Haltung dahinter. Erst nach mehreren Revisionen, gezieltem Prompting und kritischem Hinterfragen wurde sie brauchbar.
Das zeigt das eigentliche Prinzip: KI denkt nicht strategisch. Sie reagiert strategisch. Je klarer der Input, desto stärker der Output. Das zieht sich auch durch das ganze Projekt.
Für Textformulierungen und Argumentations-Sparring war ChatGPT stark.
Aber es war kein „Prompt rein, fertige Marke raus.”
Wie gut funktioniert KI für das Logo-Design?
Midjourney liefert Inspiration. Design-Handwerk liefert Qualität.
Hier der direkte Vergleich der Tools:
Tool | Ergebnis |
ChatGPT (Illustrator-Export) | Verzerrte Formen, kaputte Typografie, technisch unbrauchbar |
Canva AI | Zu verspielt, nicht B2B-tauglich, nach ~20 Versuchen verworfen |
Midjourney | Nach 2 Iterationen ein starkes Logo-Icon – aber nur als PNG, mit unsauberen Rundungen und falschen Proportionen |
Was folgte: Wir haben das Midjourney-Icon komplett in Illustrator nachgebaut. Rundungen verfeinert, Proportionen korrigiert, Details sauber nachkonstruiert und kleine Veränderungen vorgenommen. Den finalen Schriftzug haben wir vollständig selbst entwickelt. Alle KI-Typografie-Versuche waren entweder verzerrt oder nicht lizenzierbar.
Wie gut ist KI für die Bildwelt?
Hier hat uns KI am meisten positiv überrascht.
Die gesamte Bildwelt entstand mit Midjourney. Kein Fotograf, keine Drohne, kein Windpark-Location-Scouting. Gerade im Windenergie-Bereich ein massiver Effizienz- und Kostenvorteil.
Aber: Das Training hat Stunden gedauert. Viele Bilder waren unbrauchbar und in den Details falsch: verzerrte Leitern, unrealistische Perspektiven, Windräder mit einem Flügel zu viel. KI-Bildgeneration bedeutet kontrollieren, korrigieren, neu prompten. Spezifische Korrekturen von kleinen Details ist nicht möglich. Ein Korrektur-prompt verändert das gesamte Bild.
Für einen hochwertigen Bildpool war es trotzdem der größte Effizienzgewinn im gesamten Prozess.
Hat KI Zeit gespart?
Nicht automatisch, aber gezielt.
Was länger gedauert hat als ohne KI:
- Logo und Typografie (hätten wir schneller selbst gebaut)
- Fehlerkorrekturen und Nachzeichnen
- Generische Argumentation rausarbeiten
Was schneller ging:
- Textausarbeitung und Messaging
- Farbwelt-Entwicklung mit klarem Input
- Bildwelt-Erstellung im Volumen
Laut einer McKinsey-Studie steigert KI die Produktivität in kreativen Prozessen dann signifikant, wenn klare Vorgaben und menschliche Kontrolle kombiniert werden. Genau das haben wir erlebt.
Wo mussten wir konkret eingreifen?
KI liefert Output, aber sie kontrolliert sich nicht selbst. Hier muss aufgepasst werden: selbst faktisch falsche Informationen werden „selbstbewusst“ weitergegeben. Konkret haben wir korrigiert:
- Unsaubere Rundungen und Abstände im Logo
- Verzerrte Bilddetails und perspektivische Fehler
- Nicht lizenzierbare oder technisch kaputte Typografie
- Generische Positionierungsaussagen ohne echte Haltung
- Technisch falsche Details in der Bildwelt (Windräder, Leitern, Proportionen)
Unser Fazit: Wann KI reicht und wann nicht
Nein – nicht auf dem Qualitätsniveau, das professionelles Branding verlangt.
Strategisches Branding ist nicht „sieht cool aus”. Es ist Begründung, System, Konsistenz und Skalierbarkeit. Das eine ohne das andere funktioniert nicht.
Für Gründer mit begrenztem Budget? Klares Ja – für erste Tests, Ideenspiegelung, Namensfindung und schnelles visuelles Feedback. Aber nur mit eigener Haltung.
KI ist aktuell ein Verstärker. Kein Ersatz.
Das stärkste Ergebnis kam dort, wo wir eigene Ideen mit KI kombiniert haben: nicht KI statt Denken – sondern KI + Denken.
- Achtung: KI-Logos und Urheberrecht Wer KI für Branding nutzt, sollte eines wissen: KI-generierte Bilder und Logos sind in Deutschland aktuell nicht automatisch urheberrechtlich geschützt – weil kein menschlicher Schöpfungsakt im klassischen Sinne vorliegt. Das bedeutet: Dritte könnten theoretisch dasselbe oder ein ähnliches Ergebnis beanspruchen. Zusätzlich sind die Trainingsdaten vieler KI-Tools rechtlich noch nicht abschließend geklärt. Wer eine Marke ernsthaft schützen will, kommt um professionelle Nachbearbeitung und eine Markenanmeldung beim DPMA nicht herum. → Mehr dazu: Deutsches Patent- und Markenamt – Markenschutz → EU-Perspektive: European Copyright Society zur KI und Urheberrecht


